4/2/3 | Programmlinien / Virtuelle Biographik / Karl Kraus Online

 

Karl Kraus Online – Die Vermessung des Vorlesers Kraus

 

 

Karl Kraus (1874–1936) ist dafür bekannt, dass er sich kritisch und satirisch mit der (Wiener) Gesellschaft und ihrer Sprache (vor allem in den damals neuen Printmedien) auseinandersetzte und präzise mit Worten arbeitete. Nicht so bekannt ist, dass Kraus auch gerne rechnete, zählte und auflistete – so erstattete er seinen Lesern in der „Fackel“ gern akribisch Bericht über seine Auftritte als Vorleser in fast allen bedeutenden mitteleuropäischen Städten.

Allein die Arbeitsleistung ist beeindruckend: Zwischen 1910 und 1936 trat Karl Kraus 700 Mal als Vorleser in über 40 europäischen Städten auf. Seine Lesungen waren kein exklusives Minderheitenprogramm, sondern bald fixer Bestandteil des zentraleuropäischen Kulturlebens – ab 1918 hielt Kraus selten unter 20 und teilweise sogar über 50 Vorlesungen pro Jahr ab, füllte die Säle des Wiener Konzerthauses und nutzte bald den aufkommenden Flugverkehr, um seine Auftritte in verschiedensten Städten reibungslos zu ermöglichen. Seine nicht unerheblichen Einnahmen spendete er anteilig und führte auch darüber genau Buch.

Kraus‘ Vorlesetätigkeit – als Ergänzung und Erweiterung seiner Tätigkeit als Herausgeber der „Fackel“ und als Schriftsteller – wurde erst ab etwa 2007 intensiver erforscht. In dieser „Rolle“ als Vorleser steht er nun auch im Mittelpunkt des ersten Teils von „Karl Kraus Online“, einer multimedialen, materialbasierten „Anti-Biographie“. Hierbei handelt es sich keineswegs um ein neue biographische Interpretation oder ein rundes „Porträt“ von Kraus – er wird vielmehr in seiner kulturgeschichtlichen Vernetzung und durch die Materialität seiner Arbeit erlebbar. In Objekten, Daten und Listen wird das Subjekt Karl Kraus und sein Kontext (entsprechend der Logiken alter Archivordnungen aber auch der neuen Social Media) erstmals verknüpfbar, „vermessbar“ und sehr verschiedenartig erforschbar. Entsprechend der Fragestellungen von User setzen sich die Teilchen immer wieder neu zusammen.

„Karl Kraus Online“ ist sowohl für Personen gedacht, die sich einen ersten Eindruck über den Vorleser Kraus oder das Kulturleben seiner Zeit verschaffen wollen wie auch für Wissenschaftler, die konkrete Forschungsfragen an das Material oder die verbundenen Daten haben.

Das Projekt, das seit 2012 als Kooperation der Wienbibliothek im Rathaus und des Ludwig Boltzmann Instituts für Geschichte und Theorie der Biographie läuft, ist und bleibt ein „Work-in-Progress“ – bis 2019 sollen zwei weitere „Rollen“ von Kraus („Die Rechtsperson“ und „Der Herausgeber“) online gehen.

In „Die Rechtsperson“ sollen ca. 8000 Blatt Rechtsakten die Welt des „Popularklägers“ Kraus in ähnlicher Weise wie in „Der Vorleser“ erschließen: Dabei sind rund 3500 Objekte zu edieren und mit (wahrscheinlich ca. 100) Institutionen und (wiederum etwa 300 Personen) zu verknüpfen. Basierend auf einer existierenden, vierbändigen Edition der Rechtsakten [Karl Kraus contra ...: die Prozeßakten der Kanzlei Oskar Samek in der Wiener Stadt- und Landesbibliothek, Wiener Stadt- u. Landesbibliothek, Bd. 1-4, 1995-1997] sollen diese Akten volltextdurchsuchbar zur Verfügung gestellt werden.

Damit kann Kraus' Drang zu activer Klageführung erstmals quantitativ vermessen werden und neue Perspektiven nicht nur für die Kraus-Forschung, sondern auch für die Rechtsgeschichte des deutschsprachigen Raums bieten. Erste Vorstudien zeigen bereits, dass Kraus 64 Mal als Kläger auftrat, aber nur 9 Mal selbst zum Beklagten wurde. Abseits von Mediendelikten und Geldforderungen sowie Urheberrechts- und Vertragsangelegenheiten ahndete Karl Kraus durch seinen Anwalt Oskar Samek zwischen 1922 und 1936 nicht weniger als 34 Ehrenbeleidigungsdelikte.

Der Cluster Der Herausgeber stellt schließlich den Enstehungsprozess dreier Fackel-Hefte vom ersten kommentierten Zeitungsausschnitt zum fertigen Heft durch zahlreiche Korrekturdurchgänge und Interaktionen mit dem Verlag in all seiner Materialität dar. Da die Fackel online vollständig verfügbar ist, geht es hier vor allem darum, den Arbeitsprozess des Herausgebers vor dem Ersten Weltkrieg, im Krieg und nach 1918 anschaulich zu machen.

Karl Kraus Online